Auf den Spuren des Persil-Manns

hoffnungslos altmodischer Auftritt – dachte ich, nicht ohne Sympathie für den Mann. Ein paar Jahre später haben wir in der Schulabschluss-Aufführung die Szene parodiert. Das Publikum, unsere Eltern, brüllte vor Lachen. Was ich damals nicht wusste und mir erst später klar wurde: Henkel, der Konsumgüterproduzent der hinter der Marke Persil steckt, hatte mit dem Persil-Mann in der TV-Werbung nicht nur einen höchst effizienten Absatzförderer, sondern eine Ikone geschaffen – doch nicht einmal Henkel selbst war das bewusst, als das Düsseldorfer Unternehmen anlässlich seines hundertjährigen Jubiläums 1976 den ersten Spot drehte. Der Persil-Mann heisst Jan-Gert Hagemeyer, ist 73-jährig und etwas über 1.90 Meter gross. Er trägt volles, schneeweisses Haar und wohnt in Lübeck, in einem lauschigen Quartier in der Nähe des Holstentors. „Bitte keine Werbung“, steht über dem Brief-

kastenschlitz an der Türe.

Drinnen herrscht vor lauter gestapelter Bücher und Dokumenten auf den Tischen und Computer und Kamera-Ausrüstungen in den Gängen ein ziemliches Chaos. Hagemeyer ist das etwas peinlich, doch als Journalist, der er immer war, kann er schwerlich einem Berufskollegen den Eintritt verweigern. Seine zweite Frau, die als seine Sekretärin fungiert, begrüsst mich herzlich und führt durch die Wohnung. Schneeweisse Vorhänge? Nicht nur saubere, sondern reine Tischdecken? Gebügelte und nach Wachmittel duftende Hemden überall? Fehlanzeige. Die Illusion von perfekter Reinheit innerhalb der eigenen vier Wände – unbewusst genährt durch unzählige Wiederholung des immer gleichen TV-Spots in jungen Jahren – platzt wie eine Seifenblase: Hagemeyers Haushalt unterscheidet sich nicht vom deutschen Normalhaushalt. Ein kleines Paradies hingegen ist der romantisch-verwilderte Garten, wo der Persil-Mann dann und wann

frischen Lachs auf seinem selbst gebauten Räucher-Grill zubereitet. In einem klapprigen, fast dreissigjährigen Audi fahren wir zu einem Restaurant an der Trave, Lübecks Fluss, der keine 20 Kilometer weiter nordöstlich in die Ostsee mündet. Zu Matjes, Bratkartoffeln und kühler Sommerbrise erzählt Hagemeyer, wie das kam mit Persil. „Eine Kollegin vom WDR erzählte mir, Henkel würde einen Presenter suchen. Die 40 angemeldeten Teilnehmer waren bereits durch und abgelehnt, als ich zur Türe hineinplatzte – und den Job bekam.“ Fünf Spots sollte Hagemeyer während eines Jahres für die Marke Persil drehen. „Doch der trockene Product-Manager aus dem Hause Henkel, den ich zu spielen hatte, war so erfolgreich, dass daraus eine 20-jährige Zusammenarbeit wurde – mit insgesamt etwa 150 Spots in acht verschiedenen Ländern.“

 

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